Sonntag, 6. Januar 2008

Nun ist es also so weit

Wären wir jetzt in der Slowakei, wäre freies Lernen jetzt legal.

Viele Familien verlassen derzeit (wie Familie Neubronner) unser Land - ich kann es einfach nicht begreifen, dass das tatsächlich so gewollt ist. Aber wahrscheinlich ist das der Fall.
Wie tief offenbar die Angst hierzulande doch noch sitzt, dass jemand wirklich frei denkt... Schade.

Noch hoffen und harren wir, dass auch bei uns bald Freiheit einzieht - aber so langsam wird die Zeit knapp.

Das Kleine und ich haben neulich überlegt, ob die nette kleine Schule im Nachbardorf vielleicht einen Blick wert wäre. Nächste Woche gucken wir sie an. Von außen sieht sie besser aus als die, die wir bisher kennen. Dort waren wir kürzlich zu dieser... wie nennt sich das? "Untersuchung zur Feststellung von Sonderförderbedarf" oder so. Es war so grauenhaft.

Wir waren 15.30h bestellt, 15.00h dort und hatten es 16.15h tatsächlich in der Schlange bis zur Sekretärin geschafft. Dort bekamen wir eine Mappe und eine Raumnummer und standen dann vor einer verschlossenen Tür und mussten wieder warten.
Dann wurden wir hineingerufen, kleiner muffiger Raum, zwei Lehrerinnen und ein promptes: "SO. Und dann schicken wir die Mama jetzt mal raus!"
Echt brutal. Ich hatte gerade noch Zeit mein Kind zu fragen: "Ist es ok, wenn ich rausgehe?"
Er hat genickt, ich bin gegangen.
Und kam mir vor wie in diesem Film - weiß nicht mehr, welcher es war - in dem der eine Typ seine Leber spenden sollte und nicht hergeben wollte. "Nun stellen Sie sich nicht so an, geben sie schon die Leber her!"
Genauso.
"Stellen Sie sich nicht an, wir sind der Staat. Geben Sie schon das Kind her!"

Nach fast einer halben Stunde durfte ich dann wieder rein. Mein Sohn war blass und verschlossen - so kenne ich ihn gar nicht.
"Er ist aber sehr schüchtern."
Unverschämt! Was für eine Frechheit, das ÜBER ihn in seiner Anwesenheit so zu sagen!
"Ist er denn zu Hause auch so schüchtern?"
Echt, einfach nur ungeheuerlich.
Ich habe gesagt: "Na, ich bitte Sie. Er kennt Sie nicht, er kennt Sie nicht, er kennt das Gebäude und den Raum nicht - ich finde es ist das Gesündeste, was er machen kann, da erstmal zu sondieren!"
Haben die gar nicht kapiert.
Sie haben mir dann noch mitgeteilt, dass kein Sonderförderbedarf besteht (Nein, ehrlich? Das hätte ich ihnen auch sagen können.)
Und dann sind wir gegangen, mein blasses Kind und ich.

Nun, wie gesagt, demnächst sehen wir uns eine andere Schule an, auch hier in der Nähe.
Und innerlich packen wir so ein bisschen die Koffer...

Obwohl seltsamerweise meine innere Stimme immer noch sagt, dass sich hier bald was ändert.
Wir werden sehen.

Donnerstag, 15. November 2007

Weltbewegendes

Bei uns mag wenig Weltbewegendes geschehen, ringsherum jedoch schon.
Gerade habe ich mit Schrecken gesehen, dass Familie Neubronner die Konten gesperrt worden sind.
Es ist einfach nur unglaublich.
Klar, man kann sagen: "Das deutsche Recht sieht so oder so aus, jeder weiß das. Wer sich dem widersetzt, begeht eine Ordnungswidrigkeit oder Straftat und die muss logischerweise nach Paragraph xyz geahndet werden."
Man kann aber auch fragen, welchen Sinn eine Rechtsprechung hat und darüber nachdenken, ob diese vielleicht zum Besseren geändert werden sollte.
Herrschaftszeiten, in welchem Jahrhundert leben wir eigentlich?

Wenn die Slowakei ab Januar 2008 Homeschooling legalisiert, sind wir das LETZTE Land in Europa, das hinterherhinkt. Einmal im Leben wäre Globalisierung sinnvoll...

Mittwoch, 7. November 2007

"Ich will aber nicht in eine Schule"

Tja, so richtig viel Weltbewegendes ist bei uns in letzter Zeit nicht passiert, daher auch die Lücke in diesem Blog.
Doch anlässlich der Herbstferien - Junior hat 2 Freundinnen, die bereits in die Schule gehen - kam es doch zu dem einen oder anderen Gespräch über das Thema Schule und Schulbesuch.
Und ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, ich habe ihn NICHT indoktriniert, sondern immer versucht das Thema so gut wie möglich an ihm vorbeizuführen.

Alsdann:
Er: "Ich möchte heute nicht in den Kindergarten, ich möchte mit J. spielen."
Ich: "Du kannst gern zu Hause bleiben und wir können etwas Schönes machen, aber J. ist in der Schule."
Er: "Och, mennooo... wieso ist die denn JE-DEN TAG in der Schule?"
Ich: "Weil das in Deutschland so ist, dass die Kinder jeden Tag in die Schule gehen müssen."
Er: "Und in England?" (Wir waren vor kurzem Freunde in England besuchen, daher der Bezug.)
Ich: "In England dürfen die Kinder auch zu Hause lernen."

Und - das musste ich mir dann doch noch geben - dann habe ich noch gesagt, dass die Kinder eigentlich in ALLEN anderen Ländern zu Hause lernen dürfen.

Er: "Und warum ist das in Deutschland nicht so?"
Ich: "Weil die Regierung das so bestimmt hat."

Etwas Schlaueres fiel mir beim besten Willen nicht ein...

Wir haben seither immer wieder derartige Gespräche. Gestern dies:

"Und wenn ich dann 6 werde, dann komm ich in die Schuli!"
Ich freue mir ein Loch in den Bauch und denke, JA, er sieht es positiv! Alles wird gut, auch wenn ich Schule absolut und vollkommen überflüssig und gehirnschädigend finde. Immerhin, ER sieht es positiv...
Und während ich mich so freute, setzte er nach: "Ich WILL aber nicht in eine Schule!"
Und dann hat er geweint.

Ich tat also, was Mütter so tun. Ich versuchte zu trösten: "Du weißt doch gar nicht, wie das ist. Vielleicht ist es ganz toll."

Unter Schluchzen sagte er: "Aber J. muss da jeden Tag hin! Und ich weiß doch aus dem Conni-Buch, dass man da immer stillsitzen muss! Ich will nicht in eine Schule!"

Och, Mensch...

Freitag, 14. September 2007

Das erste selbst verdiente Geld

Heute Morgen musste ich in die Stadt. Der Knirps hatte keine gesteigerte Lust, wollte aber auch nicht zu Hause bleiben. Also fand er etwas, das ihm Lust machte:
"Mama, ich möchte die Melodica mitnehmen und in der Stadt Musik machen!"
Er hat dann noch seinen Bauhelm mitgenommen, um darin Geld zu sammeln.
"Papa verdient Geld für unsere Familie und du auch, und ich verdiene dann auch Geld für unsere Familie."

Es war ja so überaus entzückend, wie er da stand, mit seinem Bauhelm vor sich, und diese SEHR sehr moderne Variante von Zwölftonmusik vor sich hin spielte.
In den fünf Minuten, die ich in der Bücherei war, hatte er sich bereits mit zwei Damen gut unterhalten und 80 Cent eingenommen. "Die eine Dame hat mir dieses Geldstück gegeben mit der 5 und der 0 drauf und gesagt, ich soll mir dafür ein Eis kaufen."
Als ich in der Drogerie war, steigerte sich sein Reichtum auf € 1,59 - der Platz war wohl besser.
Dann hatte er keine Lust mehr. "Musik machen ist ganz schön anstrengend, Mama."

In der Eisdiele hat er sich eine Kugel Waldmeistereis gekauft, stolz wie Bolle von seinem eigenen selbst verdienten Geld. (Zu de Zeitpunkt wusste er bereits, dass "das Geldstück mit der 5 und der 0" ein 50-Cent-Stück ist. Phänomenal, wie schnell die Verknüpfung im Kopf plötzlich stattfindet, wenn ein praktisch erkennbarer Nutzen da ist!) Er musste sich wirklich hochrecken um an das Eis heranzukommen, und der Verkäufer musste sich sehr weit nach unten beugen um das Geld entgegen zu nehmen.

Wie frei, wie glücklich, wie absolut ungehemmt!
Wie wunderbar wäre es, wenn er geistig so frei blieben könnte...

Dienstag, 11. September 2007

Weiße Flecken in der Bildungslandschaft

Meine Freundin berichtete gerade von den ersten Schultagen in der Freien Schule, die ihre Tochter besucht. Hellauf begeistert und hocherfreut ob all der positiven Erfahrungen.
Sehr motivierend einerseits zu hören, dass es das gibt.
Sehr demotivierend andererseits, denn... HIER gibt es keine Freie Schule.
Keine Montessorischule. Keine "Wild"schule. Schon gar keine Demokratische Schule. Nicht mal eine Waldorfschule. Nichts. Überhaupt nichts irgendwie Privates. Ah, doch. Ein christliches Internat irgendwo in 20km Entfernung. Nicht wirklich unsere erste Wahl.

Was mir - neben der 45-Minuten-Häppchen-Bildung - echt Gedanken macht, ist wie man sinnvoll sämtliche Interessen des Kindes in eine Woche bekommen soll, ohne das Ganze in Freizeitstress ausarten zu lassen, wenn die Vormittage mit Schule belegt sind.
Wann soll das Basteln, Lesen und Denken stattfinden? Wann Instrumente lernen? Wann Klettern, wann Trampolinturnen?
Und wann... SPIELEN???

Donnerstag, 6. September 2007

REVOLUTION! STREIK! MEUTEREI!

"Stell dir vor es ist [was auch immer] und keiner geht hin."

Ich hatte neulich so eine Idee...
Was wäre, wenn ALLE, die *eigentlich* die Kinder frei lernen lassen wollen, den Mut aufbringen könnten, das auch zu tun... Was für ein immenser allein administrativer Aufwand, diese Menschen alle zu verfolgen!
Ich sehe, dass es vermutlich (noch) schwierig sein würde, so etwas momentan auf Dauer zu verwirklichen.

Aber wie wäre es damit, erstmal kleiner anzufangen:
Alle, die sich dafür einsetzen, lassen ihre Kinder - wenn diese das möchten selbstverständlich! - an einem oder drei bestimmten Tagen zu Hause. Müsste vorher zentral irgendwo gezählt werden, wie viele es sind (BVNL? Netzwerk Bildungsfreiheit?) und dann könnte es entsprechende Pressemitteilungen an alle großen Zeitungen und Fernsehsender geben.
"Eltern setzen Signal! Vom x.y.2007 bis zum z.y.2007 werden bundesweit 780 Kinder der Schule fernbleiben und zu Hause lernen. (...)"
Müsste dann noch angemessen ausformuliert werden.

An sich wäre das cool am 15.09. gewesen, aber samstags der Schule fernzubleiben, setzt wohl kein sonderlich wirkungsvolles Zeichen. ;-)

Mittwoch, 5. September 2007

Liebe Minister,

Sehr geehrte Frau Ministerin Schavan,
sehr geehrte Damen und Herren Kultusminister der Länder,

es gibt da etwas, das ich nicht verstehe und wobei ich auf Hilfe von Ihnen hoffe. Sicherlich haben Sie viel zu tun und wenig Zeit, deswegen springe ich gleich direkt ins Thema.

In unserer Küche entsteht gerade ein Museum. Der nagelneue kleine „POÄNG“ ist „wohl ein alter Kinderstuhl, Mama“. Engagiert schleppt der kleine Kurator weitere Gegenstände an, malt dann ein Museums-Schild und klebt es nach außen gewandt an die Fensterscheibe.

Als das Museum uninteressant wird, eröffnet im Wohnzimmer ein Fischfutterladen. Stellen Sie sich die Kreativität dieses sich frei entwickelnden Gehirns vor! Wir haben keine Fische, wir haben keinen Kontakt zu Menschen mit Fischen, wir haben als Familie keine irgendwie geartete Affinität zu Fischen. Und in unserem Wohnzimmer eröffnet ein Fischfuttergeschäft mit einem höchst vielfältigen Angebot. Ein Berg Kastanien dient zum Beispiel als Futter für die großen Fische, „Hechte und so“. „Eignet sich dieses Futter (die Murmeln von der Kugelbahn) auch für Goldfische?“, fragt die Kundin – also ich. „Es ist für alle Arten von Kleinfischen.“

Später am Nachmittag kommt er irgendwann vollkommen außer Atem aus dem Baugroßhandel (dem Sandberg vor dem Haus) hereingeschossen.
„Mama, ich möchte Tom etwas zeigen.“
„Was denn?“
„Dass die Erde ein Planet ist.“

Das waren ein paar kurze Ausschnitte aus unserem Alltag. Besagter Museumskurator/Fischfutterhändler/Planetenforscher ist 5 Jahre alt. Er spricht ca. 25-Wort-Sätze, eingeschobene Relativsätze inklusive. Er benutzt korrekt grammatische Formen, bei denen ich mir trotz Abitur und Universitätsdiplom nicht sicher bin, wie sie heißen. (Und ich war gut in Deutsch!) Konjunktiv 2, glaube ich. Er rechnet beim Trampolinspringen im Zehnerraum, und wenn die amerikanischen Verwandten da sind, freut er sich seine Englischkenntnisse zu präsentieren. Das Deutschlernprogramm der ersten Klasse hat er zur Hälfte durch. Weil es ihm Spaß macht.

Kennen Sie sich ein wenig in der Hirnforschung aus? Falls ja, werden Sie wissen, dass ein Gehirn entspannt und selbstmotiviert am besten und leichtesten lernt. Vielleicht wissen Sie auch, dass nicht nur Fakten, sondern vor allem auch Zustände erlernt werden. Das heißt, ein Gehirn, das immer wieder den Zustand „Langeweile“ erfährt, wird diesen später wieder und wieder generieren. Was für eine Verschwendung in einem Land, das sich rühmt zur intellektuellen Weltspitze zu gehören!
Ich erinnere mich gut, dass ich mich in der Schule 13 Jahre lang gelangweilt habe. 13 verschenkte, vergeudete Jahre, in denen ich so viele interessante Dinge hätte tun können. Meine Freundin sagte: „Ich habe mich nicht gelangweilt, ich habe mich immer irgendwie beschäftigt.“ Prima Lösung, oder? Wenn ich schon im Knast sitze, kann ich auch eine Schlosserlehre machen...

Nun, ich sage es Ihnen ganz offen. Ich möchte nicht, dass mein Kind sich langweilen muss oder mit Druck und Angst gezwungen wird, genau dann Kommasetzung zu lernen, wenn die Lehrerin das auf dem Plan stehen hat. Ich möchte, dass es weiterhin mit Entzücken und Verzauberung lernt und mit Freude und Kreativität innovative Lösungen entdeckt.

Deswegen frage ich Sie: WARUM soll dieses Kind ab dem nächsten Jahr gezwungen werden in die Schule zu gehen? Es geht ihm hervorragend so. Es geht uns hervorragend so. Er ist frei, er ist glücklich, er hat Freunde, er hat 1000 Interessen – und er lernt in rasantem Tempo.

Kommen Sie mir nicht mit „Aber wie soll das arme Kind dann schreiben lernen?“ Sie glauben selbst nicht ernsthaft, dass es dafür eines Schulbesuchs bedarf, oder? Auch „Du isst ein Wurstbrot – beschreibe seinen Weg durch deinen Körper“ (Sachkunde, 3. Klasse bei uns damals) hätte er bereits letztes Jahr locker beantworten können. Wenn Sie über den Rand des deutschen Tellers blicken, werden Sie feststellen, dass zu Hause lernende Kinder im Durchschnitt ganz hervorragende intellektuelle Leistungen bringen.

Sozialisation? Ganz unter uns – das, was aus dem Kindergarten an „Sozialisation“ mitgekommen ist, ist gut und gerne verzichtbar. Freunde? Es ist bei all den Kindern ein wirklich anstrengendes Unterfangen, hier mal einen Nachmittag allein verbringen zu wollen.

Welches Argument könnten Sie sonst noch anführen? Ah, richtig. Die christlichen Fundamentalisten. Mal ehrlich, verbieten Sie (als Regierung) das Autofahren, weil es Menschen gibt, die das betrunken oder unter Drogen tun? Verbieten Sie Atomkraftwerke, weil es hie und da den einen oder anderen Störfall gibt (der sich unter Umständen um Längen gesellschaftsrelevanter niederschlagen könnte als ein paar wenige Kinder, denen Sexualkunde vorenthalten wird)?

Also, wie gesagt, ich verstehe es nicht. Warum sollen wir nicht schlicht so weitermachen, wie sich alle Beteiligten wohlfühlen?

Ach so, ja. Die Schulpflicht. Die Kinder, die sonst durch die Maschen des Netzes fallen würden. Hat die Schulpflicht diese Kinder jemals davor bewahrt? Haben wir nicht in diesem unserem Lande sowieso ein Schwänzproblem? Auch mit Schulpflicht? Haben wir nicht trotzdem Analphabeten?

Soll ich Ihnen eine verblüffend einfache Lösung vorschlagen? Schaffen Sie die Schulpflicht ab.

Springen Sie über Ihren Schatten. Führen Sie statt dessen wie die europäischen Nachbarn die Bildungspflicht ein und machen Sie damit Geschichte. Freie Bildung für ein freies Land.

In Anbetracht der rechtlichen Situation in Deutschland ziehe ich es vor anonym zu bleiben, sende Ihnen aber nichtsdestotrotz freundliche Grüße!